Finanzbranche hat Kritik an “Value at Risk” ignoriert
22. Juli 2009 | Von Tobias Dieterich | Kategorie: Top News
Die in finanzmathematischen Verfahren und Modellen angewandte Kennziffer “Value at Risk” (VaR) steht seit geraumer Zeit in der Kritik.
Dabei wird die Frage gestellt, ob die gängigen Risikomodelle der Banken in ausreichendem Maße in der Lage sind, die Komplexität an den Finanzmärkten zu erfassen, und ob es ihnen gelingt, zeitnah auf Extremereignisse zu reagieren. Hans Geiger, emeritierter Professor am Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich, kritisiert jetzt in einem Beitrag für den “Tages-Anzeiger” die Risikokennzahl “Value at Risk” (VaR) als das “dümmste Risikomaß” - zumindest in Anwendung auf die Regulierung von Banken. Über die Zeit habe sich VaR zur universellen Kennzahl der Branche entwickelt. Geiger erklärt: „Der VaR gibt an, welchen Wert der Verlust einer bestimmten Position mit einer gegebenen Wahrscheinlichkeit bei einer definierten Halteperiode nicht überschreiten wird. Beläuft sich der VaR bei 99 Prozent für ein Portfolio beispielsweise auf 60, so heißt das, dass die Wahrscheinlichkeit eines Verlustes von mehr als 60 bei einem Prozent liegt.“ Über die Höhe eines Verlustes jenseits der Limite von 60, d.h. “beim Extremfall des letzten Prozentes”, sage die Zahl gar nichts aus. “Der Verlust könnte 61 betragen, aber auch 1000.” Der Wert sei vergleichbar mit einem Fieberthermometer, dessen Skala bei 40 Grad aufhört. “Dies ist ein unverzeihlicher Fehler, aber nicht der einzige”, betont der Experte.
Schon vor 12 Jahren hätten Experten der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in einem Artikel zur Kohärenz von Risikomaßen auf verschiedene Gefahren des VaR hingewiesen, merkt Geiger weiter an. “Sie begründeten ihre Kritik mit mathematischen Argumenten, die auch für Nichtmathematiker verständlich sind. Die Kritik wurde viel beachtet und wenig befolgt.” Die Finanzbranche habe unverdrossen weiter mit der Kennzahl operiert. Zudem hätten die Aufsichtsbehörden den VaR in den letzten Jahren nicht nur gefördert, sondern in Basel II gar für die Bestimmung des minimalen Eigenkapitals von Banken zum Standard erklärt. „Grundlage für die Ermittlung des minimalen Eigenkapitals ist fälschlicherweise der VaR, der den Extremfall explizit ausschließt und nur die 99 Prozent der Normalfälle berücksichtigt“, kritisiert der Experte. Verantwortlich für diese “Dummheit” seien nicht die Mathematiker, sondern die Aufsichtsbehörden.
Es gibt jedoch auch Warnungen vor überzogener Pauschalkritik an VaR: So verwies Alexander Schindler, Vorstandsmitglied von Union Investment, vor kurzem darauf, dass erste Ansätze in der Wissenschaft zeigen würden, dass schon kleine Schritte zu wirksamen Verbesserungen führen können (vgl. RMRG vom 26.5.).